Auge und Ohr:

Warum verstehen wir jemanden besser, wenn wir ihn sehen?

am 1. Mai 2019

„Schau mich an, wenn du mit mir redest!“ Es sind nicht nur Eltern, die mürrisch murmelnde Teenager mit diesen Worten ermahnen. Es kann auch die freundliche Bitte eines Menschen sein, der schwerhörig ist. Denn Auge und Ohr arbeiten zusammen. Die meisten Menschen verstehen Gesprächspartner besser, wenn sie auch die Lippenbewegungen sehen. Das hängt mit dem sogenannten McGurk-Effekt zusammen.

Die Sinnesorgane ergänzen sich

Die klassischen fünf Sinne des Menschen sind bestimmten Sinnesorganen beziehungsweise Körperteilen zugeordnet: das Hören den Ohren, das Sehen den Augen, das Riechen der Nase, das Schmecken der Zunge und das Tasten den Fingerspitzen.

Die Sinne des Menschen arbeiten nicht isoliert voneinander, sondern ergänzen sich. So werden beim Schmecken die Eindrücke der Geschmacksknospen auf der Zunge mit denen der Riechschleimhaut in der Nase kombiniert. Und beim Hören arbeiten Augen und Ohren häufig zusammen.

Auge und Ohr – die Zusammenhänge wurden eher zufällig entdeckt

Harry McGurk (1936 bis 1998) war ein britischer Psychologe, der sich auf die Erforschung der Informationsverarbeitung beim Menschen spezialisiert hatte. Als Dozent an der Universität von Surrey untersuchte er in den 1970er-Jahren die Sprachentwicklung von Kindern. Dabei synchronisierte sein Team für Testzwecke Videoaufnahmen mit neuen Audioaufnahmen und stellte zufällig fest, dass eine Reihe von Menschen weder den ursprünglich gesprochenen noch den neu synchronisierten Laut verstanden, sondern einen dritten. Die Forscher untersuchten das Phänomen genauer.1 Dazu spielten sie Versuchspersonen ein Video vor, in dem ein Mensch die Laute „ga ga“ sagt. Über die Tonspur hörten die Probanden aber die Laute „ba ba“. Ergebnis: Nahezu immer (zu 98 Prozent) verstanden die Versuchspersonen die Laute „da da“. Der Grund liegt darin, so die Schlussfolgerung von McGurk und seinen Kollegen, dass das Gehirn die auditorischen Informationen gemeinsam mit den optischen Eindrücken verarbeitet. Das kann die Wahrnehmung beeinflussen.

Der McGurk-Effekt gilt als der wissenschaftliche Beweis für die neurologische Zusammenarbeit von Auge und Ohr. Auch wenn der Mensch Gesprochenes ohne visuellen Eindruck versteht, so ist die Wahrnehmung und Verarbeitung besser, wenn das Gehirn die Sinneseindrücke kombinieren kann. Ein Mensch mit einer Hörminderung kann diese durch die optischen Eindrücke unter Umständen ausgleichen. Hat der Gesprächspartner seinen Satz bereits beendet? Wie passt das Gehörte zu Mimik und Gestik des Gegenübers? Es wird eine Form von unbewusstem Lippenlesen entwickelt.

Anzeichen für Schwerhörigkeit?

Wer das Gefühl hat, seinen Gesprächspartner nur dann zu verstehen, wenn er ihm ins Gesicht sehen kann, muss nicht gleich Anzeichen einer Schwerhörigkeit bei sich vermuten. Sein Gegenüber spricht vielleicht nur leise und undeutlich. Oder die Hintergrundgeräusche sind einfach zu laut, zum Beispiel in einer Diskothek. Das sollte aber auf gar keinen Fall ein Grund sein, diese Anzeichen nicht ernst zu nehmen. Im Zweifelsfall ist es immer ratsam, sein Gehör von einem Arzt oder Hörakustiker überprüfen zu lassen.


1 McGurk H, MacDonald J: Hearing lips and seeing voices, in: Nature volume 264, pages 746-748 (23 December 1976)