Blinde hören besser

Gutes Hören ist besonders wichtig

am 15. Oktober 2018

Blinde hören besser – das ist nicht nur das Ergebnis eines notwendigen Trainings, in dem Blinde unter anderem lernen, die fehlende Sehkraft durch den Hörsinn zu kompensieren. Es liegt auch an der neurologischen Entwicklung des Gehirns. Das belegen Forschungen, bei denen die Hirntätigkeiten von blinden Menschen untersucht wurden.

Wie Blinde ihren Hörsinn im Alltag nutzen

Für Blinde und Menschen mit einer wesentlichen Sehbehinderung ist das Gehör neben der Kommunikation vor allem für die räumliche Orientierung wichtig. Grundsätzlich gelten akustische Eindrücke als verlässlicher als optische, nicht umsonst ist häufiger von optischen Täuschungen die Rede. Menschen mit fehlender oder beeinträchtigter Sehkraft nutzen akustische Eindrücke viel stärker, weswegen ihr Hörsinn besser trainiert ist – Blinde hören besser. Sie nehmen Geräusche und vor allem Veränderungen besser wahr, zum Beispiel Verkehrslärm unter einer Brücke oder nahe einer Häuserwand. Die Einschätzung und Ortung akustischer Signale trägt wesentlich zur Orientierung bei. Manchmal nutzen Blinde auch eine Form von Echolot, indem sie leise mit der Zunge schnalzen und das Reflektieren des Geräusches registrieren.

Die akustischen Signale kombinieren Blinde und Sehbehinderte immer mit den Eindrücken ihres Tastsinns, die sie über das räumliche Sondieren mit einem Stock erhalten.

Auch die Interpretation von Gesprochenem in einer Unterhaltung ist bei Blinden und Sehbehinderten besser ausgeprägt. Sie können meistens Sprachnuancen und Emotionen gut wahrnehmen und einordnen. Blinde und Sehbehinderte nutzen diese Fähigkeiten auch, um im Kino oder Fernsehen Filme mithilfe von Audiodeskriptionen, in denen ein Sprecher die Szenen beschreibt, zu „erleben“. Die Bilder entstehen dabei im Kopf.

 

Entwicklung von Hirnregionen für die Sinne

Dass Blinde besser hören, liegt aber nicht allein an Training und Gewöhnung. Bei Menschen, die von Geburt oder früher Kindheit an blind oder wesentlich sehbehindert sind, entwickelt sich das Gehirn anders. In einer Studie des Schepens Eye Research Insitute of Massachuetts Eye and Ear wurde die Hirnaktivität von zwölf Menschen, die entweder blind geboren wurden oder als Kleinkind erblindeten, mittels MRT-Aufnahmen untersucht.1 Die Auswertung zeigte, dass bei den untersuchten Personen die Hirnregionen im Vergleich zu Menschen mit normaler Sehkraft anders genutzt werden und anders verknüpft sind. Der visuelle Cortex, der für optische Eindrücke verantwortliche Teil des Großhirns, zeigte auch bei ihnen Hirnaktivität. Er verarbeitete aber andere Informationen – häufig in Verbindung mit dem auditiven Cortex, der akustische Reize verarbeitet. Die Wissenschaftler sehen darin einen der Gründe, warum Blinde Töne besser lokalisieren und differenzieren können.

 

Gute Hörgeräte für Blinde besonders wichtig

Weil es so unentbehrlich ist, dass Blinde besser hören, beeinträchtigt sie eine Hörminderung besonders stark. Für sie und auch für Menschen mit schwacher Sehkraft ist es umso wichtiger, schlechtes Hören frühzeitig zu erkennen und gegebenenfalls eine Versorgung mit Hörgeräten einzuleiten. Ein Hörakustiker kann dazu umfassend informieren.

1 Bauer C, Hirsch G, Zajac L, Koo B, Collignon O, Merabet L: Multimodal MR-imaging reveals large-scale structural and functional connectivity changes in profound early blindness, 2017. http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0173064. Letzter Zugriff am 12.6.2018